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Anstiftung zum Innehalten

Alfred KomarekNach meinen Gedanken über die Tücken der Technik bin ich gerade am Schreiben über den vollelektronifizierten Haushalt. Zufällig, oder doch irgendwie ahnend höre ich wieder einmal ORFNÖ und ein ausführliches Interview mit Alfred Komarek und besuche dann seine website und was lese ich da? A.K. ist ein zu Recht bekannter und erfolgreicher Schriftsteller und ich lasse deshalb ihn für mich sprechen, äh schreiben.

Anstiftung zum Innehalten

Gold gab ich für Eisen

Wenn es darum geht, Leuten etwas wegzunehmen waren und sind Demagogen aller Art erstaunlich kreativ - auch in der Kunst, ihr räuberisches Vorhaben in hehre Worte zu kleiden. Es wird ja niemandem etwas weggenommen, Gott bewahre, freiwillig wird gegeben, zum Beispiel, um dem geliebten, darbenden Vaterland zu helfen. Prinzessin Marianne von Preußen hatte erstmals die hübsche Idee, das Gold ihrer Untertanen gegen eiserne Symbole patriotischer Gesinnung zu tauschen - und sie fand eifrige Nachahmer. Für die Bereitschaft, sich von seinen Schätzen für einen höchst zweifelhaften Gegenwert zu trennen, ist natürlich schon mehr als ein vermeintlich edles Motiv vonnöten. Recht zuverlässig wirkte und wirkt sozialer Druck: wer nicht mittut, steht als peinlicher Außenseiter da.

Als früher Meister in der Kunst berechnender Verführung ist uns ein biblischer Demagoge in Schlangengestalt vertraut. Mit sozialem Druck konnte das Reptil bei Adam und Eva noch nichts zu erreichen, weil die Beiden mit ihrem höllischen Einflüsterer ja allein auf der Welt waren. Aber es gab dennoch ein paar gefährlich animierende Motive: Intellektuellen Hochmut, nimmersatte Habgier, eitle Selbstüberschätzung und den nagenden Verdacht, dass auch das Paradies noch nicht alles gewesen sein konnte. Es gibt einfach nichts, was nicht zu toppen wäre, wie es in schnödem Neudeutsch heißt. Am Ende hatten die beiden verderbliches Obst vom Baum der Erkenntnis in Händen, kein Paradies mehr, dafür aber Mühsal und Unannehmlichkeiten aller Art, die Erbsünde, einen mörderischen Sohn, und dazu den Drang ihre Blöße verschämt zu verhüllen, womöglich auch noch modisch. Herr Lagerfeld hat etwas Schlangenartiges an sich. Hat er doch, oder?

Wer sich Schätze abschwatzen lässt, sie vergeudet oder verspielt, möchte rasch wieder welche anhäufen, und es darf diesmal ruhig etwas mehr sein, weil es ja schließlich nie genug sein kann. Seit es Menschen gibt, rennen sie - nicht alle aber immer mehr von ihnen - mit zunehmender Hast und Verbissenheit angeblichen Paradiesen hinterher. Die Ergebnisse dieser Aufholjagd sind aber insgesamt nicht sehr eindrucksvoll. Weit und breit kommt kein nur annähernd überzeugendes Elysium in Sicht, aber merkwürdig krumm gewachsene Bäume der Erkenntnis stehen allerorts am Wegesrand und in den Kronen warten listig züngelnd irgendwelche Schlangen auf Dumme (mich eingeschlossen), die fast um jeden Preis noch mehr haben wollen und schon wieder Gold für Eisen geben.

Und wenn ich schon am Schreiben bin, will ich doch gleich einmal über das Schreiben schreiben. Angefangen hat es bei mir mit Feder, Tintenfass und schwarzen Fingerkuppen. Die Feder war billig, also kratzig, und hat sich dagegen gesträubt, etwas zu Papier zu bringen. Der umständlichen Handhabung des Schreibgerätes entsprach aber auch ein bedächtiger Umgang mit Gedanken, Wörtern und Sätzen. Wenige Jahre später hielt ich meine erste Füllfeder in der Hand: jetzt ging es eleganter, flüssiger und ohne angeblich störende Pausen dahin. Das machte unbestritten Spaß, führte aber auch dazu, manches einfach nur so und ohne viel darüber nachzudenken hinzuschreiben, weil es eben leicht von der Hand ging. Ja, und dann der Kugelschreiber ... billig war er, flott und zeitgeistig. Schreibfedern waren erst einmal so was von Gestern. Auf diese Weise geriet der Dialog zwischen Hand und Papier leichthin zum Small Talk und das Schriftbild gab nur noch einen Teil der Handschrift wieder, reduziert auf eine schmale, für alle gleiche Rollspur. Mit der Schreibmaschine wurde schließlich aus der schreibenden Hand eine, die Tasten drückte. Aber alles lief schon wieder schneller und produktiver, auf Wunsch sogar mit mehreren Durchschlägen. Dann bekamen die Schreibmaschinen Bildschirme: Zwischen Mechanik und Papier spielten jetzt auch noch Halbleiter mit. Die Beziehung zwischen dem Schreibenden und seinem Schriftstück war endlich zeitgemäß: aufregend neu, befreiend unverbindlich, weil jederzeit korrigierbar, und trendy (was immer das bedeuten mochte). Es war außerdem ohnehin nicht mehr weit zum Computer: Texte wurden nicht mehr geschrieben sondern elektronisch verarbeitet. Also nichts wie hinein, in die neue Wunderwelt. Verspielt und neugierig wie ich war und bin, musste es immer das neueste elektronische Schreibwerkzeug sein, natürlich auch vom Design her aufregend - und so halte ich es in aller Unvernunft bis heute. Aber meuchlings hat sich eine Gegenwelt des Schreibens bei mir und in mir etabliert. Ich glaube, es war Hans Weigel, der mich darauf gebracht hat. In seinen letzten Lebensjahren hatte er mich mit unwilliger Gebärde ein wenig an sein großes Herz gedrückt. Und so stand ich eines Tages wieder einmal in seiner Tür und hatte eine Diskette mitgebracht, auf der ein Text gespeichert war, für den ich mich gerne hätte loben lassen. Aber die Schreibstube des Herrn Weigel wies keinen Schlitz für Datenträger auf. Da gab es nur eine uralte Underwood auf die er fröhlich und unverdrossen eindrosch. Ich war als Schriftsteller auf dem neuesten Stand der Technik. Er war technisch gesehen von Gestern aber der bessere Schriftsteller, der viel bessere. Inzwischen schreibe ich Manches wieder mit der Hand, der Bedächtigkeit, Sinnlichkeit, Nachdenklichkeit und des Nachdrucks wegen. Längere Texte korrigiere ich wenigstens händisch, um mir Zeit für sie zu nehmen, mir Mühe mit ihnen zu geben. Aber die auf mich spezialisierte Schlange weiß natürlich schon wieder falschen Rat: „Jetzt brauchst Du aber eine besonders edle Füllfeder, mein Lieber, und wenn Du die hast, wirst Du ohne adelige Bleistifte nicht mehr auskommen, auch eine Sammlung historischer Schreibgeräte stünde dir und deinem Selbstverständnis gut an, Du kannst gar nicht genug davon haben. So nebenbei - es versteht sich wohl von selbst - musst Du endlich konzentrierter arbeiten, mehr und schneller schreiben, eiliger abliefern, damit Du dir deine ehrwürdigen Denkmäler schriftstellerischer Handarbeit auch leisten kannst." Apage Satanas, antworte ich bildungsbeflissen und bin dennoch schon wieder dabei, eine wertvolle Erkenntnis eilfertig gegen eine kostspielige Liebhaberei zu tauschen. Zum Teufel mit mir.

Aber bleiben wir doch bei elektronischen Verheissungen und Verirrungen. Anfang der 90er Jahre geschah in Österreich Erstaunliches. Der in Graz entwickelte MUPID bot die Möglichkeit, über den Fernseher das BTX-Netz zu nutzen. Anders gesagt: Da gab es plötzlich prähistorisches Internet für Jäger und Sammler, sogar die Benutzung vom Programmen im Netz, Steinzeit-Cloud-Computing. Ich, damals noch hemmungslos begierig nach neuen Möglichkeiten der Kommunikation und des vernetzten Interagierens, war hingerissen. e-mail? Kein Problem. Online-Spiele? Aber ja! Recherche im Netz? Selbstverständlich. Homebanking? Na klar. Außer mir gab es noch ein paar Irre, die fasziniert in eine Zukunft stolperten, für die es noch zu früh war - manche zählen bis heute zu meinen Bekannten. Bald erwies sich der (übrigens bildhübsche) MUPID als nicht markttauglich, klobige Personal Computer verhäßlichten an seiner Stelle das traute Heim, wo sie als unvernetzte Einzelgänger auf eine Zukunft warteten, die im Prinzip bereits stattgefunden hatte. Als dann das Internet rasend schnell allgegenwärtig und allwissend wurde, fing ich schon einmal damit an, mich nach kommunikativen, intellektuellen und emotionellen Schrebergärten zu sehnen. Schön, diese weit geöffneten Türen überall hin, aber es war zu viel von allem, und es wird immer mehr zu viel. Wenn dann auch noch die Propheten grenzenloser elektronischer Promiskuität diktatorische Töne anschlagen, werde ich misstrauisch und widerspenstig. „Ohne funktionierendes Netz und Internetzugang geht bald nichts mehr" lese ich. Ah ja. Weil sich Fernseher, Kühlschrank, Zentralheizung, Staubsauger, Handy, Radio, Auto, PC und Kreditkarte nicht im gewünschten Maße austauschen können, werden sie bald einmal beleidigt aufhören zu funktionieren. Nicht zu vergessen: Ich selbst möge mich gefälligst damit abfinden, auch Teil dieses Netzwerkes zu sein, überall und jederzeit erreichbar und verfügbar, irgendwann mit einem Chip unter der Haut und einem Strichcode am Hintern. Also, ich weiß nicht recht.

Ich kann mich sehr gut an eine Zeit erinnern, als Managerkrankheit ein Statussymbol war und Stress ein Symptom beruflichen Erfolges. Ein paar Jahre später waren die gehetzten, magenkranken Fortschrittsknechte ausgebrannt und machten gelassen wirkenden Nachfolgern Platz, die zwar auch zahlreiche Aufgaben und Termine zu bewältigen hatten, diese aber mit dicken, in feines Leder gebundenen Organisationsplanern rationell und souverän verwalteten. Als sich dann herausstellte, dass solche Raster zwar gut zu eifriger Pflichterfüllung und kreativem Mittelmaß passten, nicht aber zu selbstbewusster Individualität und persönlicher Lebensqualität, waren jene erfolgreich, die nicht alles sofort und zugleich erledigten, aber das Wichtigste zum besten Zeitpunkt, gründlich und qualitätsvoll. Und dann: das Netz, der ultimative Baum der Erkenntnis, diesmal mit einer als Spinne getarnten Schlange, die Google heißt, oder so. Wenn sich erst einmal alle im Netz auf ähnliche Weise wichtig machen, ist keiner mehr wirklich von Bedeutung. Diesmal bin ich fast schon stolz auf mein energisches Innehalten. Ich habe nicht unzählige Facebook-Friends sondern eine Handvoll guter Freundinnen und Freunde, und weil ich nicht für Jedermann und Jederfrau jederzeit und überall zu haben bin, kann ich mir Zeit nehmen für Gespräche, die Kopf und Herz erfreuen, für Briefe, ob elektronisch oder auf Papier, die Inhalte weitergeben, keine Worthülsen. Ist doch schön, Qualität nicht der Banalität zu opfern, selektiv zu leben statt beliebig. Und wie ist das mit dem sozialen Druck? Wer nicht mittut, steht alleine da? Gerade das genieße ich zuweilen sehr.

Alfred Komarek's Webseite

Ich habe Herrn Komarek eine email geschrieben, aber leider nur folgende Antwort erhalten:
Your message was automatically rejected by Dovecot Mail Delivery Agent.
The following reason was given:
Quota exceeded for akomarek@a1.net
Das bedeutet soviel wie: Ihr Geschreibsel wurde automatisch zurückgeschickt, weil das Elektronenpostkastl voll ist.
Passt blendend in die gesamte Geschichte. Ich wünsche ihm qualitätvolle Gespräche in der heimischen Kellergasse.