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Anstiftung zum Innehalten II

Alfred-KomarekAm Sonntag 18.8.2013 war in Ö1 wieder ein Interview mit Alfred Komarek. Die Erlaubnis, seine Texte zu veröffentlichen, habe ich vor Wochen anlässlich eines Interviews in OFR NÖ eingeholt.

"So einfach ist das nicht mit dem Innehalten. Jene, die viel Zeit dafür hätten, wollen nicht, und jene, die wollen, finden keine Zeit dafür - oder nur selten." Die Sackgassen, die Umwege, die Labyrinthe sind es eigentlich, die Querkopf und Schriftsteller Alfred Komarek zu Romanen, Erzählungen und Reisefeuilletons inspirieren. Schon als Student fing er zu schreiben an, weil er dringend Geld brauchte: Glossen und Reportagen für Zeitungen, bald aber auch Texte für das Radio. Später dann auch für das Fernsehen. Alfred Komarek ist auch Autor zahlreicher Bücher, in welchen er sich als literarischer Wegbegleiter durch österreichische und europäische Kulturlandschaften anbietet. Der Einordnung in Kategorien versteht er sich immer wieder zu entziehen.

Allerdings mit dem Innehalten, das Alfred Komarek als ein "anarchistisches Aufbegehren gegen die allzu engen Lebensraster" empfindet, ist es so eine Sache. Einem erfolgreichen Schriftsteller wie dem Schöpfer von Romanfiguren wie Simon Polt und Daniel Käfer kann es auch passieren, dass ihm mitunter selbst die Kunst des Innehaltens schwerfällt: Es werden ihm Preise - wie z. B. das Goldene Buch des Hauptverbandes des Österreichischen Buchhandels - verliehen, Recherchefahrten sind geplant, neue Texte warten auf Vollendung und Lesetermine stehen an. Dann muss Alfred Komarek (wieder) die Notbremse im allzu schnellen Getriebe des Alltags ziehen.

Alfred Komarek, "Anstiftung zum Innehalten"

Mein Elternhaus steht in Bad Aussee, im steirischen Salzkammergut: ein adrettes Gebäude aus den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, ringsum ein großer, ziemlich unebener Garten. In der Volksschule hat man mir erzählt, hier wären dereinst Franzosenschanzen aufgeschüttet worden. Schanzen waren mir damals nur als Sprungschanzen vertraut, also war ich recht stolz auf die sportliche und auch noch internationale Vergangenheit meiner grünen Kinderwelt. Es gab kleine, aufregend schroffe Steinmauern, ein dichtes Holundergebüsch, bereit, alle Heimlichkeiten in seinem umwucherten Dunkel zu bergen, und einen ummauerten Brunnen, einen viereckigen Ozean. Wenigstens einmal im Jahr bin ich dort ins Wasser gefallen, vorzugsweise spät im Herbst, weil dann die mütterlichen Klagerufe umso eindrucksvoller klangen. Das ist lange her. Ich hatte seitdem an die sechzig Jahre Zeit, erwachsen zu werden. Es ist mir bis heute nicht ganz gelungen. Das mag ein Grund dafür sein, dass aus der Rückkehr ins Elternhaus auch eine durchwegs geglückte Zeitreise geworden ist. Ich wohne jetzt wieder dort, wenigstens ein paar Tage, Monat für Monat, und wenn ich des Abends sachte knarrend mit einem Schaukelstuhl eins werde, ist das keine Alterserscheinung, ganz im Gegenteil.

An einem Sommertag in den frühen 50ern stand ein Kind namens Alfred, noch unbehelligt von Uhren oder gar von Stundenplänen, in kurzen Lederhosen und mit bloßen Füßen hinter der Gartentür und schaute auf die große, weite Welt da draußen. Nicht alles an ihr war fremd. Befreundete Katzen kamen des Weges, Hunde, denen nicht ganz zu trauen war, an Wochentagen der Briefträger, kurz vor Mittag. Jenes uralte Weiblein, das damals vor mir stehen blieb und mich sinnend betrachte, erinnerte jedoch allenfalls an Bilder in Kinderbüchern, war also vermutlich eine Hexe. Auch ein schaurig vereinzelter Zahn, den sie bleckte, ließ nichts Gutes vermuten. Ihr dürrer Zeigefinger zielte auf mich und dann fragte sie mit Honigseim in der Stimme, ob ich einen Schaukelstuhl haben wolle. Ich nickte vorsichtshalber und war Tags darauf Eigentümer eines Schaukelstuhls. Erst war er mir unheimlich mit seinem kühn gebogenen Holz und den befremdlichen Bewegungen. Aber ich wachte eifersüchtig darüber, dass er auch weiterhin mir gehörte. Wer zwei ältere Brüder hat, tut gut daran, sein ohnehin sehr kleines Territorium mit allem Hab und Gut zu bewahren und zu verteidigen.

Als sich mir Jahre später, in heißen Phase meiner Pubertät, die Frage stellte, was anzufangen sei mit unvermutet ungelenken Gliedmaßen, frechen Gedanken, wollüstigen Träumen und sündhaften Fantasien, erwies sich der Schaukelstuhl als willkommener Zufluchtsort. Sein spielerischer Umgang mit dem Gleichgewicht gab Antwort auf meine begehrliche Unrast, Veränderung und Verwirrung. Der Schaukelstuhl war eben kein Sessel, dem nichts Besseres einfiel, als auf allen Vieren herumzustehen. Bewegung und Stillstand, Unruhe und Ruhe waren eins für ihn. So blieb er mir lange ein guter Freund.